Die Kunst sich zu beherbergen, sich zu besiedeln
Wenn einem das Haus verwaist, muss man sich wieder Eltern nehmen.
„Diese Arbeit (die Arbeit am Modelé) war die gleiche bei allem was man machte, und sie musste so demütig, so dienend, so hingegeben getan sein, so ohne Wahl an Gesicht und Hand und Leib, dass nichts Benanntes mehr da war, dass man nur formte, ohne zu wissen, was gerade entstand, wie der Wurm, der seinen Gang macht im Dunkel von Stelle zu Stelle. Denn wer ist noch unbefangen Formen gegenüber, die einen Namen haben? Denn hier ist nichts Dargestelltes, nichts Gemeintes, keine Spur von einem Namen.
Dieses Gut-Machen, dieses Arbeiten mit reinstem Gewissen, war Alles. Ein Ding nachformen, das hieß: über jede Stelle gegangen sein, nichts verschwiegen, nichts übersehen, nirgends betrogen haben; alle die hundert Profile kennen, alle die Aufsichten und Untersichten, jede Überschneidung. Erst dann war ein Ding da, erst dann war es Insel, überall abgelöst von dem Kontinent des Ungewissen.
Bei mir, zu Heute, in meiner Herberge, in meiner Windmühle übernachten im Sommer vor dem Knall, Sommer vor dem Krankenhaus, Sommer vor München, Sommer vor dem Schmerz, dem Ausweg, der Rückkehr aus dem Exil : Naturgemäß – die Bachmann, die Cixous, Rilke, Rodin, Renoir, Cezanne ist kurz weg, er ging mir zuletzt fürchterlich auf die Nerven, in seinem Zimmer ist jetzt Bonnard, Mamma Andersson, aber sie hat diesen TalR mitgebracht, Goldschmidt, Goya schläft immer sehr lang, Paula Becker ebenso in aller Natürlichkeit - dazu Giono – Bleibe, meine Freude! In der Lobby läuft die Callas, abstrakte Geräuschmusik, Joni Mitchell, Blue. Am besten geht alles, wenn Frau Franke in der Litho die Knef spielt.
Es ist, wie so häufig, viel mehr für mich. Aber zuviel ?
Mit dem Platz frei, nehme mir zu Eltern in dieser Zeit: Mutter Helene, und Vati Rainer Maria. Cixous, Rilke, waren nicht verheiratet, entstammen keiner gemeinsamen Zeit, waren nie gleichzeitig auf Erden, doch für mich geht das jetzt. Sie sind bei mir an diesem Prüfungstag, besuchten mich im Krankenhaus, schliefen auf dem Regal, so ganz Buch, so klein, neben den Bildbänden. Die Koffer voll Seiten, voller aufzuholender Worte, kurz keine Halbwaise, keine Exilantin, nicht verlassen. Danke, dass ihr überall dahin mich bringt zum Bahnsteig.
Ich weiß nicht wirklich, wie man mit Vätern umgeht, ich weiß, sie reden manchmal viel. Und manches macht Sinn.
Da entstand etwas, blindlings, in wilder Arbeit und trug an sich die Spuren eines bedrohten offenen Lebens, war noch warm davon.
Ich also du, muß(t) fragen:
Wo beginnen die Dinge? Was für ein Ding? Ein schönes? Nein. Wer hätte gewußt was Schönheit ist?
Schönheit ist immer etwas Hinzugekommenes, und wir wissen nicht was.- Ein Schmetterling.
Daß es eine ästhetische Meinung gab, die die Schönheit zu fassen glaubte, hat Euch irre gemacht.Und es ist so, daß man Schönheit nicht ›machen‹ kann. Niemand hat je Schönheit gemacht. Man kann nur freundliche oder erhabene Umstände schaffen.
Warum sagst du mir das, Vati, frag ich. Du willst doch lernen zu malen – von Beobachtung lernt man, sagt er, ich kannte viele Maler, auch Malerinnen, und geht in den Garten.
Die Freibadbeckenbahnen in Kleinzschocher sind besser als die im Schreberbad nahe der HGB, sind länger, mehr Strecke liegt zwischen dem Hin- und Her, weniger Unterbrechung, man kann zwischen den gummigen Rändern des Chlorsees mit etwas Mühe vergessen, dass man „gleich umdrehen muss“, morgens liegt das Becken ganz still, man hat länger von der ununterbrochenen Bewegung im Kalten.
Ann Carson schreibt mir :
Dientag 12 Uhr, schwimmnen
Der Schimmer wendet den Kopf und sieht in den Himmel. Uralte, wundersame Wolken treiben unablässig. Der Schwimmer denkt an Symmetrien, dann drängt es ihn, sich auf den Rücken zu drehen und in den Abgrund des Himmels zu schauen.
Ich schwamm mittlerweile am Übergang zur Fortgerittenenstufe. Ich machte nicht mehr als „Brust“, Kraulen war mir noch peinlich, ich verschluckte mich permanent unternahm ich weitere peinliche Versuche zu kraulen, ich weiß nicht wiesie es machen, aber wenn ich mit den Armen zufriedenstellend kraulte, hörten die Beine auf zu paddeln, paddelte ich anständig, hörten mir die Arme auf. Ich wusste es nicht, wenngleich ich es doch verstand.
Ich versuchte schöne Hände zu machen, das kann ich ! Fingerkuppenvoran führte ich meine eleganten Fingerschalen sanft in das Wasser ein, als könnte ich seine durchsichte Oberfläche verletzen, für jeden zu sehen: sie hat Gefühl, sie gibt sich Mühe! Ich hoffte trotzdem, dass niemand hinschaute.
In meinem Brustschwimmen war mir das Mitnehmen des Kopfes unter die Wasseroberfläche mit dem Vorgleiten der Arme zur unwiderstehlichen Lust geworden, die meinen Nacken nach einem Maltag entspannte. Es gab nur noch Maltage. Ich atmete also all meine Versuche in das Wasser aus, lehrte meine Lungen, die Wasserblasen, die mir aus der seichten Öffnung zwischen den Lippen schossen, kitzelten meine großen Ohren, dann – nur einmal kurz hoch, schnappen, wieder gleiten. Immer zuverlässiger konnte ich die Augen unter Wasser öffnen, was mir half in der Bahn zu bleiben. Ich schaute manchmal, nach jedem fünften oder sechsten Zug an meinen Beinen hinab, das schwummerte so schön im Köpf. Aber, sind sie schon wieder schön, die Beine?
Es ist sehr schön meinen Körper arbeiten zu sehen.
Es ist sehr schön, ihn arbeiten zu sehen. Der Zusammenhang eines Auges mit dem Thon, der Farbmasse, das ist das gleiche. Man glaubt all die Wege des eigenen Blicks, die sicheren, schnellen, ein Netz in der Luft bilden zu sehen, darin sich das Ding immer mehr verfängt, ein Gesicht hebt sich triefend auf, wie aus strömendem Wasser.
Denn alles Glück – es gab einen Augenblick, da es nichts war als das Schürzen
von Lippen, das Hochziehen von Augenbrauen, schattige Stellen auf Stirnen; und dieser Zug um den Mund, diese Linie über den Lidern, diese Dunkelheit auf einem Gesicht, - vielleicht waren sie genau so schon vorher da: als Zeichnung auf einem Tier, als Furche in einem Felsen, als Vertiefung auf einer Frucht...
Es gibt nur eine einzige, tausendfältig bewegte und abgewandelte Oberfläche.
In diesem Gedanken konnte man einen Moment die ganze Welt denken, und diese Welt wurde einfach und als Aufgabe zu erfassen, dem in die Hände gelegt, der diesen Gedanken denken konnte.
Ob etwas Leben genannt werden kann, das hängt nicht davon ab, wie groß die Ideen aus Köpfen darauf hervorgehen können, sondern davon ob man sich aus den Köpfen und Körpern ein Tägliches schafft, ein Handwerk, etwas, was bei einem aushält bis es Nacht wird.
An welche Verbindung denke ich? Welche Anbindung nehmen ?
Ich lasse mein Fahrrad, mein geliebtes Fahrrad im Zug nach Frankfurt Oder stehen, als ich in den Regio nach Berlin umsteige. Scheiße, mein Fahrrad, sage ich.
Hier sitze ich im Café Oslo, das ich immer mitnehme auf dem Weg aus Berlin heraus, auf der Eichendorffstraße am Naturkundemuseum liegt es – und die Liebe (zum Bild) ist mir viel. Aber zu viel?
Sind wir nur Gleitbahnhöfe für einander? Oder für wen von uns ist es so? Ein Bild kann man doch nicht einfach laufen lassen, warum schlagen mir gerade so viele Menschen vor, das zu versuchen? (Sich) selbst einmal Mutter sein? Nur AM BILD. Sonst zerstört sich das Kind.
Vati, ich habe Angst vor der Einsamkeit.
Er hat nirgends mitarbeiten können und keiner hat mit ihm gearbeitet. Seine Dinge konnten nicht warten; sie mussten getan sein.
Er hat ihre Obdachlosigkeit lange vorausgesehen.
Ich kann es nicht glauben, dieses Rad wohlmöglich nie wieder zu sehen. Hier in Berlin könnte ich jeden Tag ins Cafe Oslo gehen und ins Alte Museum, altes wichtiges zeichnen, es in meine Hand aufnehmen und an meiner Leinwand entlassen. Mein Professor, auch Neo, fragte doch immer nach unserem Personal. Manchmal will die Menschen von heute verlassen, wie ich mich verlassen will, scheint es doch oft durch die Akademiefenster Licht, es gibt uns
Malende heute nicht mehr so.
Ich käme nach Berlin mit „einem Beruf, den ich lerne“, eine Rolle, eine Weisung, ein, im Zweifel – das – nicht mehr: „ohne was“. Etwas, das ICH TUE, wodurch ich werde. Etwas das gegenhält wenn der Himmel fragt: Wer glaubst du wer du bist, Julia Anne ?
Diese Einsicht, wenn sie einem Schaffenden kommt, muss alles verändern. Der Künstler, den diese Erkenntnis lenkt, hat nicht an die Schönheit zu denken; er weiß ebensowenig wie die Anderen, worin sie besteht. Und sein Beruf ist, diese Bedingungen kennen zu lernen und die Fähigkeit zu erwerben, sie herzustellen.
Wenn Vati so trabt, das sind die Momente in denen Mutter Helene ihn sanft einfängt und melodisch versöhnlich zu sprechen beginnt, da ist keine Schuld ist. Das habe ich von ihr verstanden.
Ich bin keine Liebhaberin von Malerei, und im Übrigen auch von keiner anderen Kunst. Ich bin eine Person, die zu Begegnungen mit lebenswichtigen, einschneidenden Erfahrungen bereit ist, Erfahrungen, die vom Anderen kommen und die sich selbstverständlich auf „mich“ beziehen. Auf „mich“, auf mich, die ich nicht kenne, mein Unbewusstes, meine empfängliche Oberfläche. Nie erörtere ich vor einem Bild: Vor einem Bild reagiere ich.
Also mach sowas, mein Kind, sie lacht. Du bist eine große Tochter. Sie meint es nicht so. Sie meint es so.
Und so – erzieht sie mich:
Mutter Helene schreib mir ein Buch, das kann ich bei mir tragen, denn mir gehört auch von dir nichts!
Ich will die Welt der Triebe, vor dem Schicksal, ich will die namenlose pränatale Nacht. Ich will (die Ankunft) ankommen sehen.
Mich faszinieren die Geburtsakte, Macht und Ohnmacht vermischt. Das Am-Zeichnen-sein. Schreiben oder Malen hat kein Ende. Geborenwerden endet nicht. Das Modell ist nur dem Anschein nach draußen. In Wahrheit ist es unsichtbar, doch gegenwärtig, es lebt im Innern des Dichters-von-Zeichnungen.
Die Zeichnung ist ohne Halt.
Die wahre Zeichnung, die lebendigflinke, Sie werden sie erkennen: Sie läuft noch.Wenn ich male ist es als folge ich dem Irrtum, furchtlos, doch mit Ehrfurcht, Mama.
Wir, die wir zeichnen, sind unschuldig. Unsere Fehler sind unsere Sprünge in der Nacht. Irrtum ist nicht Lüge: Er ist Annäherung, ist Zeichen, - dass wir auf dem Weg sind.
Mutter, ich suche doch nach der Wahrheit! Aber ich habe dich gefragt und ich traf auf den Irrtum. Wie unterscheide ich Irrtum von Wahrheit? Wer sagt es mir? Mein Körper. Die Wahrheit lässt uns genießen.
Was malst du gerade Kind? Freunde, sage ich.
Nicht die Person, sondern das Kostbare dieser Person.
Siehst du?
Ich schaute am Ende dieses Tages mit meiner Mutter die schöne Barhsheba an. Wir fahren nach Paris, der TGV von München, vier Stunden, mittags ist man da, ganz erholt. Helene betrat, wie gewohnt, mit offenen Armen den Louvre. Haaach, sagte sie. Zeigt mir die schöne Barhseba, die nicht gemalt ist um nackt gesehen zu werden!
Diese nackte ist kein Akt
Barhseba absolut. Ohne Mann. Der Name Barhseba ruft nach David, doch diese Frau da, nicht.
Magda absolut, denke ich und denke an meine Bilder, die voll sind mit Menschen, die sich dafür hinstellten, und qua Leinwand – waren sie wirklich da. Und ich freue mich. Leipzig, wenn du willst kannst du mein klein Paris sein – und lache nervös. Es ist dieses Lachen, das zu Insomnien führen kann bei mir, also passe ich auf. Ich kann es mir gerade nicht leisten, nicht zu schlafen.
Zurück aus dem Museum, dem Becken, der Oper, im Atelier:
So viele Bilder sind ein Leben, sind zu malen. Und nun war das schon wieder der Sommer. Und das war das Wintersemester mit weniger Symptom, dafür mehr Schmerzen.
Ein Zugang ist gelegt, in meine Vene, das reicht. Öl fließt verdünnt in die Bilder in mir, ich mag auch die Klumpen, werde sie nicht zwangsläufig los. Ich möchte, dass du etwas davon siehst.
Auch in einem Garten wächst nicht alles zugleich. Blüten stehen neben Früchten, und irgend ein Baum ist noch bei den Blättern. Sagte ich nicht, daß es im Wesen dieses Gewaltigen liegt, Zeit zu haben wie die Natur und hervorzubringen wie sie?
Kann ich schon sagen, die Malerei gibt mir Griffe? Wenn ich doch im Herbst kaum stehen konnte, und jeder weiß, ich, die Steinhardt, könnte nie im Sitzen malen. Greifbarkeit in den Unruhen, Großmut wandelt Größenwahn? Nichts ist ja echt in Öl auf Leinwand. Nichts ist echter als Öl auf Leinwand.
Die Malerin hat das Problem, wenn etwas erreicht ist am Bild, dann ist es selbstverständlich, ist im Bild, ist es der Welt eingegangen, kann übersehen werden.
Oder hab ich dieses Problem, und die Malerin hat es eben nicht?
Seit Tagen bin ich nervös, da ich arbeite und liebe und wenn ich nicht arbeite und nicht liebe, bin ich nervös. In diesen Momenten scheint Vati kein Telefon zu haben, Mama ist empfanglos mit Benjamin auf dem Berg bei Montaigne.
Ich gehe also unangekündigt bei Vati vorbei, er sitzt im Garten, Paula Becker ist da, sie erwartet ein Kind. Sie wird sterben, aber wer hätte das wissen können ? Vati, sag‘ ich, mir platzen die Nerven, ich kann nicht mehr, ich habe keine Ahnung, wie ich alles schaffen soll. 15 Modelle, erstmals so große Leinwände, ich sehe nichts mehr, kann ich mich dann noch konzentrieren, behaupten ich sei es selbst, die da etwas malt, das irgendetwas bedeutet?
Wer aber vermag nun die Welle der Liebenden aufzuhalten, die sich draußen aufhebt auf dem Meere? Mit diesen unerbittlich verbundenen Gestalten kommen Schicksale heran und süße und trostlose Namen - aber auf einmal sind sie fort, wie ein Glanz der sich zurückzieht - und man sieht den Grund. Man sieht Männer und Frauen, Männer und Frauen, immer wieder Männer und Frauen. Und je länger man hinsieht, desto mehr vereinfacht sich auch dieser Inhalt, und man sieht: Dinge.
Und nach dem Vordiplom, nach und an manchen Tagen noch immer mit dem schwindenden Körper, dem schwindenden Bruder, der Schwere, die ich im Sommer angehen musste, in einem Leben angekommen, in dem mich Bücher mehr fingen als Arme an Eltern – wie ging es weiter?
Nach einmal mehr, allem Wider, allem Wechselbad, das Fettgefühl, das Hungern, das nicht-mehr-hungern-können, das Liebe finden, das Liebe verlieren, das alleine auf der Welt sein, wirklich, das Verwaisen vor der Leinwand –
Wie schnell ein Haus in den Lungen sich baut, bezugsfrei ab sofort, Fenster finden in den Bergen von Papier. Es entstehen Berge von Text, in denen ich Atem finde.
Es kommen sicher: Ein gestreiftes Sommerhemd, rote Fleecedecken im neuen 292, oder wie das heißt an der Gfzk, später Cappuccino in ebenso schön roter Tasse, durchsichtig roter Kombucha, housemade, nicht süß, mein grünes, nächstes Notizbuch, Helene in Blau, die Mutter Maria, powered byMathis&Seitz, Schriften zur Kunst, die ich gut lesen kann, Max‘ erstes Buch, Davids erstes Buch ohne Grund und sein Durchbruch in mir und an seinem Schmerz, der jetzt auch mir gehört.
Ankündigungen, Kafka kommen lassen, mein neues kleines orangenes Notfallbuch, von dem mir Elisa erzählte, ein Kuli von Jonas, kork-orange, der dazu passt, ein Kugel-schieber, meine Damen und Herrren, und dieses Klingelschild in pastellener Erinnerung an Sommerluft und Balkon in Plagwitz, schöne Sommerledersandalen, made in Italy, auch wenn es ihr letzter sein sollte, und gerade lagern sie noch in München, wo David in mein Krankenzimmer trat, ohne es zu verraten, von seinem Balkon aus schaute er in mein behindertengerechtes Bad, auf Sation 4N, Krankensaal Nummer 6. Erinnerungen an das Alleinstehen vor Bildern, Vorahnungen, Vorzeichen, écriture feminine. So, nur so werde ich bleiben bei dir.
Es ist gut, was noch wird, auch schwer, ich bin nah am Leben. Mit manchem wird man nicht fertig. Dann bist du da.
Ich bin, mir war, nichts war mir, ich war mir nie, nichts, war dir schön, ich war mir nicht schön, mir nicht, dir nichts, war dir nie schön genug, dass du am Leben bliebst.
Also tu ich es.
Konrad und Konrad mit C. Konrad mit K, mein Urgroßvater der mich zur Jüdin macht. Ich will euch alle, euch 6 Millionen zurück, dann hätte ich, und ihr, es viel einfacher, glaubt mir das bitte. Wie zur Hölle, wie in dieser Hölle hast du es geschafft, zu leben und für sie alle Musik zu spielen auf ihren Festen?
An Conrad mit C schreibe ich:
Eine Jüdin wird niemals sich den Platz nehmen, der ihr gehört.
Israel wäre gut für die Juden gewesen, aber es hat sie wahnsinnig gemacht.
Ich hätte niemals auf meinen Platz beharren können, ich nehme mir nichts, ich lasse mich vom Hof jagen, lange bevor einer oder Eine bellt. Ich mag diese Hunde nicht mehr hören, ich kann das wirklich nicht gut aushalten. Ich habe doch keine Haut.
Aber es ist immer ok, immer ok für mich zu gehen, in Würde und Wirklichkeit. Besser ich gehe, als dass mir die Ohren sausen und ich verliere den Grip und könnte nicht in ein Meisterwerk fallen. Einen Winter und ein Frühjahr Iang habe ich mich der Welt zugemutet, da war mein Israel.
Dann hat mich der Gedanke, es zu verlieren, wahnsinnig gemacht. Und jetzt versuche ich Antworten zu finden, ob es dieses Israel gab oder vielmehr geben sollte? Will man so leben, so komplett umzingelt ?
Ich habe doch keine Ahnung von Politik und von Waffen nicht.
Ich bin Jüdin und ich bewahre Dinge in meinem Herzkästchen, und wo mein Haus ist schmücke ich es, und hänge Girlanden, und wenn es jemand haben will, sage ich lieber: hier, nimm es, zieh morgen ein, mir gehört hier nichts, alles wird doch gut, nicht wahr.
Conrad, lass es bleiben.
Und im Bade lerne ich von Bathseba. Der Name B ruft nach David aber diese Frau da nicht. Den Name Julia Anne, Ninotschka, Nucky, Janne ruft ein Mann und diese Frau da, ruft auch nach David. Doch wenn ich dich rufe, David, so meine ich mehr doch als deinen Namen.
Denn du bist, auf so eine andere Weise, so passend, so verlassen wie ich.
Und (du bist) noch da, wenn ich bleibe und du bleibst auch wenn ich male – denn du bist David und du weißt, dass ich mein Volk verloren habe.
Bis ans Ende der Schmerzen, an den Herzzelten. Von da gehen Arme auf, liegen die Druckseen. Liegen die Ölsee(l)en still.
Egal wie kurz oder lange das dauert, er, und damit ich, werde mich von den Maschinen nehmen, und lernen müssen selbst zu atmen.
Er, unser Staat, wird mich zwingen über mich zu wachsen. Und ich muss einsehen, dass ich nie weniger wollte, als das Verlassen lernen. Ich bin morgens aufgestanden. Ich konnte an der Welt lecken. Das hieß: ich wollte endlich gerade nicht mehr heim kehren.
Als ich Kind war, war mein Spiel der klare Himmel. Je länger ich ihn mit der Kraft meiner Gedanken unbedeckt halten konnte, desto größer war der der Spielerfolg. Mein Körper wuchs in Solingen, der zweitverregnetesten Stadt Deutschlands auf, mit vielen anderen Polen in einer hellgelben Platte.
My mother is not my birthplace, quote.
Und so, musste ich zwangsläufig einsehen, dass ich Pech habe im Spiel. Das machte mich jedoch nicht hoffnungslos, denn so also musste mein Glück in der Liebe liegen. Liebe wird dich finden, Eu-re-dy-ke.
Es ist gerade über zwölf Uhr und der Himmel war immer noch unverletzt.
Man kann Glück im Spiel haben, und trotzdem in Liebe sein. Das hieße, man kann malen, und davon trennst sich nichtdein (Zu) Hause.
Ich habe dir Tanz den Körper nicht mehr, dachte ich, er ist mir unterwegs verloren gegangen. Gefunden habe ich meine Hände, und etwas zu tun, das lange dauert. Es kann bleiben.
Du weißt, was mir das bedeutet.
Der Tanzkörper ist ein schwindender, aber ich kann einen Pinsel halten, sogar ein Messer. Ich kann einen Stift heben und ich kann tippen.
Und es gibt Räume, in denen ist nachts Licht und es wird genug Platz sein, sich darin zu drehen.
Ihr habt mich durch das zweite, durch mein Erstes Jahr ohne Reißen gebracht. Und steht da wach im Regal, ihr schmunzelt, ich nicke. Danke Rainer-Maria, danke Helene.
David und ich buchen Züge. Gilles Ankunft, bei Suhrkamp erscheint er, in Planung, andere tragen Waffen, ich trage dich.
Mach etwas das gut ist, sage ich mir noch einmal, mach etwas, das gut ist.
Guck, guck, wer du bist, sagen MEINE Eltern.
Besiedel dein Herz, mit dem, was du heute siehst.
Die Nacht ist vorbei.
Komm Nacht.
Mach etwas, das gut ist, mach etwas, das gut ist.